Denkt Kunst

Die Reihe »Denkt Kunst« – eine Kooperation zwischen dem Zentrum Künste und Kulturtheorie (ZKK) der Universität Zürich und dem Institut für Theorie der Zürcher Hochschule der Künste, herausgegeben im Diaphanes-Verlag – widmet sich in unterschiedlichen Formaten vom Vortragstext hin zu Monographien und Sammelbänden dem kulturtheoretischen Potential ästhetischer Prozesse.
Denkt Kunst! Das bedeutet, sie zuallererst angemessen denken zu lernen – das heißt, in Begriffen und Argumenten zu fassen, was sich vorderhand nicht in Form von Begriffen, sondern in Wahrnehmungsgestalten, Figuren, Klängen, Rhythmen und Konstellationen artikuliert. Denkt Kunst? Das bedeutet im Gegensatz dazu, die Frage zu stellen, ob die Kunst eine eigene, von den Wissenschaften zu unterscheidende Weise des Denkens darstellt, ob sie womöglich ein anderes, unbegriffliches Wissen generiert. Mehr noch: Gehört die Frage nach dem Denken zur Philosophie, gibt es vielleicht eine geheime, zwischen Künsten und ihren Wissenschaften geteilte Gemeinsamkeit, eine von beiden auf je besondere Art betriebene Praxis der Reflexion?
Sämtliche Publikationen der Reihe finden Sie bei Diaphanes.

Igor Chubarov, Inke Arns, Sylvia Sasse (Hg.): Nikolaj Evreinov und andere. »Sturm auf den Winterpalast«

Übersetzt von Anne Krier, Gianna Frölicher und Regine Kuehn, Broschur, 344 Seiten. Buch bestellen

1920, zum dritten Jahrestag der Oktoberrevolution, wurde in Petrograd der »Sturm auf den Winterpalast« mit 10.000 Mitwirkenden aufgeführt. Das Massenspektakel unter der Leitung von Nikolaj Evreinov war eine Art falsches, trügerisches Reenactment. Es sollte an etwas erinnern, den Sturm auf den Winterpalast als Beginn der Revolution, das es selbst theatral und medial erst produzierte. Der Band rekonstruiert das Theaterereignis mit Texten, Fotografien und Zeichnungen und zeigt, wie nicht nur in der Sowjetunion aus dem Foto vom theatralen »Sturm« ein historisches Dokument der Oktober­revolution geworden ist.

Sandra Frimmel, Fabienne Liptay, Dorota Sajewska und Sylvia Sasse (Hg.): Artur Żmijewski. Kunst als Alibi (im Druck)

240 Seiten, Broschur, zahlr. Abb., ISBN 978-3-03734-979-83.Buch bestellen

Kunst als Alibi – damit ist eine Strategie des polnischen Videokünstlers Artur Żmijewski benannt. In seinen Arbeiten rehabilitiert Żmijewski die Idee der Wirkung von Kunst auf die Gesellschaft als Konzept autonomer Kunstproduktion. Dabei verzichtet er radikal auf eine Ästhetisierung der Wirklichkeit. Kunst ist für ihn vielmehr ein »Werkzeug«, ein »Mechanismus« und manchmal auch nur das »Alibi«, um politisch in die Welt eingreifen zu können. Er arbeitet mit MuseumsdirektorInnen, mit Frauen im Gefängnis, mit KünstlerInnen, AktivistInnen und PolitikerInnen.

Der vorliegende Band versammelt ausgewählte Essays, Gespräche und Bilder Żmijewskis, die die Idee der künstlerischen Praxis, die er selbst auch »Angewandte Gesellschaftskunst« nennt, vorstellen und diskutieren.

Sylvia Sasse (Hg.): Nikolaj Evreinov. Theater für sich

504 Seiten, Broschur, aus dem Russischen von Regine Kühn, ISBN 978-3-03734-942-7. Buch bestellen

Jeder Mensch ist ein Theatertier – so ließe sich Nikolaj Evreinovs dreibändiges,  zwischen 1914 und 1917 verfasstes Werk zusammenfassen. Evreinov plädiert für mehr Theatralität (teatral’nost’) im Theater und im Leben, wobei er Theatralität nicht für etwas Künstliches hält, sondern für die natürlichste Sache der Welt: für einen menschlichen Instinkt. Die hier vorliegende deutsche Erstübersetzung soll nicht nur den in Vergessenheit geratenen Regisseur, Dramatiker und Theoretiker, der zu den wichtigsten Innovatoren der russischen Theateravantgarde zählte, wieder in Erinnerung bringen, sondern auch seine Überlegungen zur Theatralität für die heutige Diskussion erschließen.

Fabienne Liptay: Telling Images. Studien zur Bildlichkeit des Films

360 Seiten, Broschur, zahlr. Abb., ISBN 978-3-03734-635-8. Buch bestellen

Filmbetrachtung hat es zunächst mit materiellen Sichtbarkeiten zu tun, mit Bildern, die dem Blick gegeben sind, bevor sie zu erzählen beginnen. Im blinden Fleck dieses Blicks liegt das, was den Bildern erst durch Erzählungen nachträglich beigegeben oder hinzugedacht wird. Was Bilder sind, wie sie gesehen und verstanden werden, variiert mit den Kontexten sowohl ihres theoretischen Entwurfs als auch ihres praktischen Gebrauchs. Filme sind jedoch immer schon mehr oder anderes als visuell verfasste Geschichten. Sie sind narrative Entfaltungen von Bildlichkeit – von dynamischen Vorstellungskomplexen, die Rückschlüsse auf ästhetische und technische, soziale und politische Aspekte der Wahrnehmung und Verwendung von Bildern erlauben.
Die in diesem Buch versammelten Studien entlang der Werke bekannter Regisseure wie Michael Haneke, Krzysztof Kieslowski, Jim Jarmusch, Wim Wenders oder Ari Folman eröffnen ungewohnte Perspektiven auf das Verhältnis, das Bilder und Erzählungen im Film unterhalten.

Elisabeth Bronfen, Christiane Frey, David Martyn (Hg.): Noch einmal anders. Zu einer Poetik des Seriellen

176 Seiten, Broschur, ISBN 978-3-03734-637-2. Buch bestellen

Das Interesse an Formen des Seriellen hat längst, so scheint es, einen Paradigmenwechsel in den Kulturwissenschaften eingeleitet. Allenthalben werden Figuren und Logiken des Seriellen aufgespürt und als symptomatisch für eine moderne Ästhetik oder Epistemik ausgewiesen. Was aber macht das Serielle zum Seriellen, die Serie zur Serie? Wird das Serielle gewöhnlich über eine Semantik von Wiederholung, Schema und Variation erörtert, versucht sich dieser Band an einer alternativen Herleitung: Als das Serielle soll jenes Prinzip gelten, das es ermöglicht, Differenz und Wiederholung, Singuläres und Plurales zu verschalten. Die vermeintliche Wiederholung führt zu einer Revision des Vorgängigen. So wiederholt die Serie nicht Gleiches, sondern erzeugt gerade im Zuge des Noch-einmal ein Differentes.
Mit Beiträgen von Christine Blättler, Fritz Breithaupt, Elisabeth Bronfen, Rüdiger Campe, Mladen Dolar, Christiane Frey, Alys George, Eva Geulen, Lars Koch, David Martyn, Heike Paul und Barbara Straumann.

Tom McCarthy: Recessional – or, The Time of the Hammer

Zürich, Berlin 2015, 80 Seiten, Broschur, ISBN 978-3-03734-589-4. Buch bestellen

Der international renommierte und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Schriftsteller und Literaturtheoretiker Tom McCarthy hat neben seinen oft kontrovers rezipierten und preisgekrönten Romanen Remainder (2005), Men in Space (2007) und C (2010) auch ausgefallene literaturtheoretische Texte veröffentlicht. Hierzu zählen ein Essay über Exkremente im Werk von James Joyce oder Tintin and the Secret of Literature, in welchem er Hergés Les aventures de Tintin mittels strukturalistischer und poststrukturalistischer Literaturtheorie, vor allem von Jaques Derrida und Roland Barthes, zu lesen versucht.
In seinem Text Recessional – or, The Time of the Hammer, der auf die gleichnamige ZKK:Lecture im Dezember 2014 zurückgeht, untersucht McCarthy die Begrifflichkeiten von Absätzen, Abständen und Zwischenräumen. Oft als neutral oder unproduktiv wahrgenommen, weisen sie ganz im Gegenteil auf das – ästhetische wie politische – Zentrum hin, auf die Literatur selbst.
Recessional – or, The Time of the Hammer ist auf Englisch und Deutsch erhältlich.

Magdalena Marszałek, Dieter Mersch (Hg.): Seien wir realistisch. Neue Realismen und Dokumentarismen in Philosophie und Kunst

272 Seiten, Broschur, zahlr. Abb., ISBN 978-3-03734-574-0. Buch bestellen

Dokumentarische Kunstpraktiken haben derzeit Hochkonjunktur, ob in Fotografie, Film, Theater, performativen Kunstexperimenten oder Literatur. Über einen »neuen Realismus« wird in der Philosophie ebenso wie in der künstlerischen Produktion diskutiert. Ein postkonstruktivistischer Realismus misstraut der Repräsentation, weiß um die Gemachtheit der Darstellung und will auf die Selbstreflexivität künstlerischer Praktiken nicht verzichten. Doch weder ist den gegenwärtigen Realismen das Begehren nach unmittelbarer Wirklichkeitserfahrung fremd, noch verzichten sie auf Wirklichkeitskritik und politische Intervention. Immer wieder geht es um die Herstellung einer Berührung mit Wirklichkeit und einer Wirklichkeit der Berührung, des Affekts – in der Einflechtung des ›Rohmaterials‹ ins Artefakt, der Restitution einer Erfahrung im Reenactment oder der Arbeit mit Zeugen und ›Experten des Alltags‹ in Film und Theater.
Mit Beiträgen von Claudia Bartel, Mateusz Borowski, Alexander García Düttmann, Maurizio Ferraris, Markus Gabriel, Christine Hanke/ Anne Quirynen, Iwona Kurz, Renate Lachmann, Tomasz Łysak, Magdalena Marszałek, Dieter Mersch, Michael Meyer, Sabine Nessel, Winfried Pauleit, Dorota Sajewska, Sylvia Sasse, Jörg Sternagel, Małgorzata Sugiera und einem Gespräch mit Milo Rau.

Dieter Mersch: Epistemologien des Ästhetischen

Zürich, Berlin 2015, 200 Seiten, Broschur, 5 sw. Abb., ISBN 978-3-03734-746-1. Buch bestellen

Von der Kunst als Forschung und der Forschung als Kunst ist spätestens seit den 1990er Jahren die Rede. Das Konzept sucht die Künste und Wissenschaften in ihrer Arbeitsweise einander anzunähern, doch wird dabei kaum die Frage gestellt, welche Art von Wissen die Künste im Unterschied zu den Wissenschaften hervorbringen. Dieter Mersch zeichnet die lange philosophische Tradition des Ringens um den epistemologischen Status des Ästhetischen und seiner Beziehung zur Wahrheit nach und arbeitet daran, die zugrunde liegende Begrifflichkeit zu dekonstruieren und zu verschieben. Sein Anliegen ist es, in den künstlerischen Praktiken selbst eine Weise des Denkens zu entdecken, die sich weder der Sprache und ihrer Form des ›Aussagens‹ bedient noch in die diskursiven Gestalten der Wissenschaften übersetzbar ist: ein ästhetisches Denken jenseits des ›linguistic turn‹ und des Selbstverständnisses philosophischer Hermeneutik und des Poststrukturalismus, das sich durch nichts substituieren lässt.