2017/2018 »Körperarchiv«

Banner Körperarchiv

Der Jahresschwerpunkt »Körperarchiv« beginnt im HS 2017 und wird von Dorota Sajewska und Ana Sobral organisiert. Er widmet sich der Erforschung des Körperarchivs im Kontext des archival turn in der Kunst und Theorie. Die archivale Wende in der Philosophie (Jacques Derrida) löste eine theoretische Debatte um die Notwendigkeit der Neubestimmung des Verhältnisses zwischen performativen Künsten und Archiv aus. In dieser Debatte ging es vor allem um die Dekonstruktion des kulturellen und wissenschaftlichen Vorurteils, Performance sei lediglich als ein Ephemeres zu begreifen, das sich jeglicher Aufzeichnung, Konservierung und Bewahrung entzieht. Die der anthropologischen Schule zugehörigen PerformanceTheoretiker (José Esteban Muñoz, Rebecca Schneider, Diana Taylor) betonten dabei die für die westliche Kultur charakteristische Marginalisierung körperlicher bzw. performativer Praktiken, in deren Folge der Körper aus dem Archiv ausgeschlossen wurde und damit dem Einfluss auf Geschichtsnarration und Identitätspolitik entzogen wurde. Innerhalb des Schwerpunkts »Körperarchiv« werden künstlerische Praktiken analysiert, die auf dem Nachspielen, der performativen Wiederholung oder der mehrfach vermittelten Verkörperung von Geschichte (und Geschichtsbildern) gründen. Sie werden aufgrund ihres metamedialen Charakters als eine Variante erkenntnistheoretischen Handelns betrachtet, die neben den Strategien und Praktiken des Erinnerns auch den Status von Quellen, Zeugnissen und Dokumenten reflektiert. Somit wird eine Form der Geschichtsschreibung erforscht, für die der Begriff des Körperarchivs – verstanden als Agens einer umfassenden materiellen Dokumentation der Vergangenheit – besonders relevant erscheint. Diese Kategorie umfasst sowohl organische Trümmer, Gegenstände und Orte als auch Reproduktionen der Überreste der Vergangenheit, die einer medialen und technologischen Archivierung unterworfen und in lebenden Zeugnissen, in älteren wie auch zeitgenössischen performativen, visuellen, schriftlichen und auditiven Dokumenten bewahrt sind.

Programm (JPG, 2613 KB)

 

Veranstaltungen

 

4.06.2018: "Reenacting, Recoding, Reinscribing: The Body as Archive in Art and Performance"

ZKK:Salon mit Aleida Assmann, Rebecca Schneider und Diana Taylor, um 19 Uhr im Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, Zürich (in englischer Sprache).

Eine Podiumsdiskussion über den Ort des Körpers im Gedächtnisdiskurs und performative Theorien der Archive.

A Haitian Voodoo priest travels to Poland to perform a religious ceremony that will topple the Communist regime. Lenin returns to Cabaret Voltaire to sing a heartfelt karaoke song about love on the beach. A group of people takes over different rooms and halls in Warsaw’s Palace of Culture, to enact countless gestures of political insurgency. An embittered ghetto dweller topples the king of the most advanced African nation to start a worldwide black revolution. A totally obscured photo on a wall indicates the moment when a Belarusian homosexual is imprisoned for cruising between Lenin Avenue and Lenin Street in a homophobic Soviet regime.

These disparate scenes from the “Body Archive” series place the body at the centre of performances, reenactments and reinterpretations of the past. From November 2017 to May 2018 we met up with artists and activists whose work bears the traces of colonization, slavery, the October Revolution and the Cold War. We discussed what sort of ‘memory work’ can be rendered through the acting body – on the stage, in film and video, in photography or in museum exhibitions. Can the body provide an alternative cultural archive? How can we distinguish between performative and narrative forms of remembering? Does the counter-memory performed by the body formulate new possibilities of political life?

To close these exhilarating exchanges, the “Body Archive” series will host one final event that brings artistic practice and scholarly analysis together. In a round table discussion, foremost intellectuals Aleida Assmann, Rebecca Schneider and Diana Taylor will debate the place of the body in performance and memory studies, the relationships between memory, archive and repertoire, and the political implications of thinking the body in cultural memory. Dorota Sajewska and Ana Sobral will present highlights from the “Body Archive” series and chair the round table discussion.

 

 

Vergangene Veranstaltungen

 

7.05.2018: ZKK:Salon mit Karol Radziszewski, um 19 Uhr im Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, Zürich

Ein Gespräch über performative Geschichtsschreibung und die Rolle des körperbasierten Zeugnisses in der Queer-Kultur.

Am 15. November 2015 rief der polnische Maler und Videokünstler Karol Radziszewski das Queer Archives Institute (QAI) ins Leben, eine der Forschung, Sammlung, Digitalisierung, Präsentation, Ausstellung, Analyse und künstlerischen Interpretation von Queer-Archiven mit besonderem Fokus auf Mittel- und Osteuropa gewidmete Non-Profit-Organisation. Diese Initiative des in Polen einzigen öffentlich bekennenden schwulen Künstlers ist der Versuch, eine Art alternatives Vorfahrenarchiv aufzubauen, nicht zuletzt, um die Besonderheiten der Geschichte der Queer-Kultur in den kommunistischen Ländern unter Bedingungen politischer Unterdrückung und kultureller Marginalisierung zu veranschaulichen.

Das QAI ist als ein Projekt konzipiert, das sich verschiedener Medien (Audio, Video, Schrift und Bild, materielle Objekte) und hybrider Kunstformen (Zeitzeugengespräche, inszenierte Interviews, Mockumentaries, Re-Performances, vom Künstler kuratierte Ausstellungen und selbst herausgegebene Fanzines) bedient. Radziszewskis Praxis liegt somit am Schnittpunkt von Kunst und Wissenschaft, von künstlerischen und institutionellen Tätigkeiten, um das Schaffen und gesellschaftliche Leben der Queer-Kultur zu verorten.

Über die rainbow colonisation aus dem Westen in den postsozialistischen Ländern und die Rolle der Kunst im Schaffen einer Gegenöffentlichkeit, sowie über den Körper als wichtiger Argument in der Geschichtsschreibung minoritärer Gemeinschaften spricht der Künstler selbst mit unterstützenden Fragen von Dorota Sajewska und Ana Sobral.

 

17.04.2018: What is This ‘Black’ in Black Panther?, Filmvorführung von Black Panther und anschl. Podiumsdiskussion (in Englisch), um 19 Uhr im Houdini Kino, Badenerstrasse 173, Zürich.

Die Kino-Adaption des Marvel-Comics Black Panther (2018, Regie Ryan Coogler) ist inzwischen einer der umsatzstärksten Superhelden-Filme aller Zeiten. Das Erscheinen des Films war begleitet von begeisterten Kritiken, die vor allem die einzigartige Repräsentation von »blackness« in einem nicht-kolonialisierten, afrikanischen Kontext herausstrichen. Trotzdem blieben auch skeptische Stimmen nicht aus.

In dieser Podiumsdiskussion versammeln wir Akademiker*innen, Journalist*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen und diskutieren darüber, was genau diesen Film zu einer dermassen wuchtigen Intervention in zeitgenössische Kultur macht – vor allem, aber nicht nur in den USA. Darüber hinaus möchten wir die verschiedenen Ebenen der Repräsentation von »blackness« in Black Panther kritisch betrachten.

Sprecher*innen: Musa Okwonga (Künstler und Journalist, Berlin); Danielle Dash (Künstlerin, Journalistin London); Franziska Meister (Historikerin und Redakteurin bei der WOZ, Zürich); Simon Küffer (Hochschule der Künste, Bern; aka Rapper Tommy Vercetti). Moderation: Ana Sobral (English Seminar, Zurich).

Diskussion anschauen

 

16.04 2018: ZKK:Salon mit Suse Wächter, um 19 Uhr im Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, Zürich

Ein performativer Vortrag über Körperlichkeit und Materialität mit Puppen.

Die Berliner Puppenspielerin Suse Wächter baut ihre Puppen für fremde wie für eigene Produktionen, darunter auch für Julian Rosefeldts filmische Installation »Manifesto«. Fast jede Puppe hat mehr als eine Rolle, mehr als eine Persönlichkeit: Suse Wächter baut sie für die verschiedenen Performances jeweils um, sie verfremdet und re-chiffriert ihre Körper und ihren Charakter. Meist sind die Puppen in den Performances zusammen mit menschlichen Schauspielern zu sehen. Dies bedeutet aber keine strikte Dichotomie zwischen den lebendigen und nicht-lebendigen Körpern. Vielmehr wirken die Puppen als eine Art Katalysator für das Leben auf der Bühne: Der Schauspieler kann einen Teil seines Selbst in sie projizieren und sich somit externalisieren.

Diese pygmalion-ähnliche Verflechtung von Leben, Körper und Materie wird auch Teil der Performance im Cabaret Voltaire sein, in der sich die Wahrsagerin Pythia, Gott, Lenin und Jesus treffen. Anschliessend findet ein Gespräch mit Dorota Sajewska und Ana Sobral über Körperlichkeit und Materialität statt.

 

20.11.2017: ZKK:Salon mit Bartosz Konopka, um 19 Uhr im Cabaret Voltaire

Der oscar-nominierte polnische Regisseur Bartosz Konopka zeigte seine hybride filmische Arbeit The Art of Disappearing, die teils Dokumentation, teils Phantasmagorie ist. Trailer anschauen

Im Anschluss an den Film  sprachen Dorota Sajewska und Ana Sobral mit Bartosz Konopka über den Ort der Haitianischen Revolution und die Rolle des schwarzen Körpers in der Geschichte der Emanzipation.

 

18.12.2017: ZKK:Salon mit Aernout Mik, um 19 Uhr im Cabaret Voltaire

 

Ein Gespräch über das Archiv der kollektiven Gesten und das ästhetisch-politische Potential der Communitas mit Präsentation von künstlerischen Videoarbeiten.