Forschungsprojekte von Mitgliedern des ZKK

Klaus Müller-Wille: Romanhaftwerden. Skandinavische Prosaliteratur der späten Vormoderne

Das SNF-Projekt nimmt in einem breiten Zugriff die Überlieferung von Erzählliteratur im Übergang von der Vormoderne in die Moderne in den skandinavischen Ländern in den Blick. Das Projekt widmet sich einer bisher in der Forschung wenig beachteten Übergangsphase der skandinavischen Literaturgeschichte und profitiert von der Verbindung der skandinavistisch-mediävistischen und der neuskandinavistischen Expertise der beiden Gesuchsteller. Untersuchungsgegenstand ist die Prosaüberlieferung des langen 18. Jahrhunderts aus Dänemark, Island und Schweden, die auf erzählerische Neuformen hin untersucht werden sollen, die als Romanhaftwerdung im Sinne Michail Bachtins gelesen werden können. Das Projekt wendet sich dezidiert von einer Definition des Romans als historisch verortbarer Gattung mit statischen bzw. festen Gattungscharakteristiken ab und nimmt vielmehr Reformierungen von Konstituenten des Erzählens in verschiedenen Gruppen von Prosatexten in den Blick, die teilweise auf eine jahrhundertelange eigene Tradition zurückgreifen (wie im Falle der isländischen Sagaliteratur), teilweise zeitgenössische kontinentaleuropäische Entwicklungen adaptieren (wie im Falle skandinavischer Briefromane oder Robinsonaden). Der Fortsetzung eigener Traditionslinien wie dem Aufgreifen europäischer Trends gemeinsam ist eine zunehmende Selbstreflexivität erzählerischer wie textueller und medialer Verfasstheit im Laufe des 18. Jahrhunderts. Die exemplarische Aufarbeitung des in der Forschung nahezu unbeachtet gebliebenen Materials soll für die Entwicklung einer Reihe von theoretisch zugespitzten Fragen genutzt werden, die Fragestellungen der historischen Narratologie und der historischen Mediologie in Richtung einer Formierung einer mediologisch orientierten historischen Narratologie zueinander in Beziehung setzen. Eine solcherart historisch wie mediologisch informierte Narratologie wird für den skandinavischen Kontext und darüber hinaus einen dynamischeren, offeneren Gattungsbegriff des Romans eröffnen, der historisch veränderlichen Formen des Erzählens Rechnung trägt und diese Veränderungen als konstituierendes Element in der Formierung und Reformierung von Gattungen identifiziert.

Leitung: Prof. Dr. Lena Rohrbach, Prof. Dr. Klaus Müller-Wille

Projektstart: 01.02.2020. Mehr Informationen

Frauke Berndt: ETHOS. Ethische Praktiken in ästhetischen Theorien des 18. Jahrhunderts

Das SNF-Forschungsprojekt ETHOS. Ethische Praktiken in ästhetischen Theorien des 18. Jahrhunderts erschließt den Zusammenhang von Ethik und Ästhetik in seinen historischen Wurzeln, um auf dieser Basis eine alternative Geschichte der ästhetischen Theoriebildung zu schreiben.

Das Forschungsprojekt ist im Bereich der Begriffs-, Problem- und Ideengeschichte angesiedelt. Es wendet sich dem tiefgreifenden Zusammenhang von Ethik und Ästhetik zu, der zwischen 1720 und 1800 die deutschsprachigen ästhetischen Schriften beschäftigt. Im 18. Jahrhundert gilt als schön, was nützt, erfreut und belehrt. Kunst ist nicht um ihrer selbst willen da, sondern sie ist in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet, in dem ihr bestimmte Aufgaben zukommen. Auf der methodischen Grundlage der Praxeologie widmet sich das Forschungsprojekt den Funktionen solcher Handlungsanweisungen und -anleitungen in ästhetischen Theorien, die als ethische Praktiken verstanden werden. Die Praktiken lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen, die unterschiedliche Aspekte betonen: ein ‚gutes‘ Leben, eine ‚gute‘ Darstellung und eine ‚gute‘ Sinnlichkeit. Einerseits sollen die zentralen ethischen Praktiken anhand ausgewählter Quellen systematisch identifiziert und analysiert werden. Andererseits sollen die ethischen Praktiken in den ästhetischen Schriften des Schweizers Johann Jacob Bodmer (1698-1783) exemplarisch untersucht werden.

Auf dieser Grundlage soll die alternative Geschichte einer ästhetischen Theoriebildung rekonstruiert werden, die Praktiken einen Stellenwert zuschreibt, wie sie ihn erst im 20. und 21. Jahrhundert wiedererlangen werden, wenn die moralische und politische Verantwortung der Kunst in ästhetischen Theorien neu verhandelt wird. Mit dem Ziel, Pionierarbeit zu den Anfängen heteronomieästhetischer Begründungsmodelle zu leisten, geht es – emphatisch gesprochen – um eine ästhetische Theorie, deren Massstab nicht die Kunst, sondern das Leben bildet.

Leitung: Prof. Dr. Frauke Berndt

Mehr Informationen finden Sie auf der Projekt-Website.

Liliana Gòmez: Contested Amnesia and Dissonant Narratives in the Global South: Post-conflict in Literature, Art, and Emergent Archives

The Cold War period and its subsequent (post-) conflicts are characterized by a remarkable amnesia and a politics of invisibilization that reflect the epistemic order of decolonization of the Global South. Yet counter-semantics that challenge historical oblivion und injustice have been articulated by artists, writers and institutional initiatives that increasingly seek to contest this amnesia with alternate narratives or dissonant archives. Transitional situations, such as negotiated in Colombia or Lebanon, reconfigured an increasingly diverse landscape of memory cultures that claim truth and justice. While some transitional societies opted for an amnesty that fosters the invisibilization of the protracted conflict, others initiated a cultural and political process through a dialogue with the creative human rights.
Nurturing official silence, amnesia, and the fragmentation of society, the related violence on human and non-human life forms has generated complex and conflicting memory cultures that are shaped both by local and global biases. Drawing upon a comparative cultural analytical and art historical perspective, this project examines the role of cultural production, in particular the arts, as aesthetic inquiries and dissonant narratives in processes of reconciliation and the search for truth and justice that exists within cultures, foregrounding alternate and plural writings of history. The project thus understands contemporary global arts against this background as performative practices of human rights and ethical praxis.

"Contested Amnesia and Dissonant Narratives in the Global South: Post-conflict in Literature, Art, and Emergent Archives" by Liliana Gòmez is funded by the Swiss National Science Foundation. With the support of the University of Zurich, Kunsthistorisches Institut, Latin American Center Zurich, Digital Society Initiative, and the Master of Arts Kulturanalyse / Cultural Analysis.

Gesine Krüger: Hans Himmelheber – Kunst Afrikas und verflochtene Wissensproduktion

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt "Objekt - Text - Bild. Verflochtene Wissensproduktion in Hans Himmelhebers Archiv zwischen Kunst Afrikas, Ethnologie und globalem Markt" ist an der Schnittstelle von Ethnologie und Geschichte angesiedelt. Es handelt sich um eine Kooperation des Museums Rietberg Zürich (MRZ, Dr. Michaela Oberhofer) und des Lehrstuhls für Aussereuropäische Geschichte am Historischen Seminar der UZH (Prof. Dr. Gesine Krüger). Ziel des Projektes ist es, die Produktion von Wissen über die Kunst Afrikas multiperspektivisch und translokal zu analysieren. Ausgangspunkt ist das bisher noch kaum erforschte Archiv des Kunstethnologen und Sammlers Hans Himmelheber (1908–2003), dessen Theorien zur Künstlerpersönlichkeit einen Paradigmenwechsel für das Studium der materiellen Kultur Afrikas eingeleitet haben.

Das Projekt verbindet Recherchen zu historischen Text- und Bildquellen mit der Erforschung von Museumssammlungen sowie Feldforschungsaufenthalten in Afrika (Burkina Faso, Côte d’Ivoire, DR Kongo). Durch diesen innovativen Ansatz können die afrikanische Akteurschaft und der Bedeutungswandel vor, während und nach dem Erwerb der Objekte in einzigartiger Weise rekonstruiert werden. Die Expertise von Ethnologie, Geschichtswissenschaft und Museumspraxis werden kombiniert und Texte, Objekte und Fotografien als gleichwertige (historische) Quellen berücksichtigt. Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen sind internationale Workshops und zwei Ausstellungen geplant.

Laufzeit: November 2018 bis Oktober 2022. Mehr Informationen über das Projekt finden Sie hier.

Dorota Sajewska: Krise und Communitas. Performative Konzepte des Gemeinschaftlichen in der polnischen Kultur seit Beginn des 20. Jahrhunderts

Das SNF-Forschungsprojekt »Krise und Communitas« untersucht aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive performative Konzepte von Gemeinschaftlichkeit in Polen seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Den Orientierungsrahmen des Projekts bildet das kommunistische Projekt jenseits grosser Politik, in der polnischen Kunst und Kultur als politische Idee, kritische Utopie und soziale Realität. Zentral ist hierbei der Fokus auf soziale und historische Krisenmomente als Auslöser und Hintergrund von kulturell und künstlerisch verhandelten Formen und Strategien des egalitären Mit-Seins.
Das Projekt untersucht vier Krisenmomente in der polnischen Kulturgeschichte. 1905 mündete die Krise kapitalistisch-imperialer Herrschaft in die erste proletarische Revolution. Nach 1956 kam es zu einer Neuorientierung des kommunistischen Projekts auch im Kontext der Dekolonisierung. Die Repressionen von 1968 gegen Pol*innen jüdischer Abstammung hingegen zerstörten die Idee eines visionären Sozialismus. Nach 1989 letztlich wich der Kommunismus einem neoliberalen System. Im Zuge der genannten historischen Prozesse entstanden jenseits der offiziellen Staatspolitik Visionen einer gerechteren Gesellschaft und internationalen Gemeinschaft. Diese Formen einer Communitas bildeten sich in der kulturellen Praxis von Theater, Literatur, Film und bildenden Künsten; sie zeigten sich in politischen Protesten, subkulturellen Praktiken und sozialen Bewegungen. Das Projekt untersucht das Wechselspiel von Krisenprozessen und der Inszenierung einer anderen Gemeinschaft anhand von konkreten historischen und künstlerischen Materialien. Es schreibt sich ein in eine politische Anthropologie mit intersektionellen und transnationalen Verflechtungen und verknüpft soziologische, kultur- und kunstwissenschaftliche Ansätze mit einer postkolonialen Forschung zur dezentralen Wissensbildung und -vermittlung.

Laufzeit: Oktober 2018 bis September 2022
Mehr Informationen über das Projekt finden sie hier und auf der Website des Projekts.

Fabienne Liptay: Exhibiting Film. Challenges of Format

Das vom SNF geförderte Forschungsprojekt von Fabienne Liptay »Exhibiting Film: Challenges of Format« ist den Herausforderungen gewidmet, die das Format an die Theorie und Praxis der Ausstellung von Filmen stellt. Basierend auf der Annahme, dass die Zirkulation von Filmen den Massgaben des Formats unterliegt, will das Projekt zu einer neuerlichen Anerkennung der Restriktionen und Möglichkeiten beitragen, die die lange Geschichte ihrer Ausstellung in unterschiedlichen Kontexten begleitet haben. Ob ein Film im Kino, im Fernsehen, im Museum oder auf dem Festival zu sehen ist, hängt vor allem davon ab, ob sein Format mit den jeweils gegebenen Voraussetzungen kompatibel ist. Filme, die aufgrund ihres Formats in den standardisierten Gefässen und Kanälen der Distribution innerhalb der Verwertungskette nur bedingt Platz finden, sind grundsätzlich auf alternative Plattformen und Infrastrukturen angewiesen, in denen sie gezeigt und verbreitet werden. Formate bestimmen unterdessen nicht nur, unter welchen technischen Voraussetzungen Medien operieren. In einem weiter gefassten kulturellen Verständnis, wie es im Rahmen des Forschungsprojekts profiliert wird, stellt das Format auf der Grundlage der Standardisierung und Normierung die Bedingungen, unter denen Filme auch in sozialer und politischer Hinsicht zur öffentlichen Ausstellung gelangen.

Laufzeit: Oktober 2017 bis September 2021. Mehr Informationen über »Exhibiting Film: Challenges of Format« finden Sie hier.

Thomas Strässle, Dieter Mersch: Praktiken des ästhetischen Denkens – Das essayistische Prinzip

Das Sinergia-Projekt Praktiken ästhetischen Denkens, an dem die vier Kunsthochschulen der deutschsprachigen Schweiz, die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), die Hochschule der Künste Bern (HKB), die Fachhochschule Nordwest-Schweiz in Basel (FHNW) und die Kunsthochschule Luzern (KuL) beteiligt sind, beschäftigt sich mit Denkformen in den Künsten, von der Musik über Installation und Videokunst bis zu Film, Theater und Design unter dem Gesichtspunkt ihrer Praktiken. Untersucht wird die Eigenart des künstlerischen Denkens im Vergleich zu wissenschaftlichem Denken und Forschen. Gleichzeitig wird durch die Fokussierung auf Denkpraktiken versucht, die in den letzten Jahrzehnten geführte Debatten um ›Artistic Research‹ zu vertiefen, indem nach den philosophischen und ästhetischen Grundlagen eines angemessenen Forschungsbegriffs und der Eigenart künstlerischen Wissens- und Erkenntnisproduktion in den Künsten und durch die Künste gefragt wird.

Die Untersuchungen im Bereich Grundlagenforschung gliedern sich in vier Teilprojekten: Der Witz der Kunst (ZHdK), Das essayistische Prinzip (HKB), Die ästhetische Praxis der Kritik (FHNW), Radikale Pädagogiken (KuL)

Laufzeit: März 2017 bis Februar 2021. Mehr Informationen

Boris Previšić Mongelli: Polyphonie und Stimmung. Musikalische Paradigmen in Literatur und Kultur

»Die Stimmungssemantik ist heute dumm geworden.» (Wellbery 2003) Und dennoch ist die Stimmung in ihrer atmosphärischemotionalen Evidenz als Alltagsparadigma omnipräsent. Sie bedarf jedoch dringend einer konzeptuellen Schärfung, um komplexe Sachverhalte in der aktuellen Literatur und Kultur konzis zu erfassen. Dafür müsse – wie Wellbery am Ende seiner Stimmungsgeschichte folgert – die ursprüngliche »musikalische Sinndimension« des 18. Jahrhunderts aktualisiert werden. Um ein griffiges Beschreibungs- und Analyseinstrument zur Verfügung stellen zu können, muss diese vertikale Dimension des Zusammenklingens mit einem zweiten Konzept, mit dem sie in enger Korrelation steht, ergänzt und abgeglichen werden: mit der horizontalen Dimension der ‚Mehrstimmigkeit‘, mit der Polyphonie. Aus den heutigen Literatur- und Kulturanalysen ist dieses Paradigma nicht mehr wegzudenken; doch auch ihm fehlt oft genug die musikalischdiskursive Kontextualisierung und Konkretisierung. Mehr Informationen.

Tristan Weddigen: Heinrich Wölfflins Gesammelte Werke

Das am Kunsthistorischen Institut angesiedelte SNF-Editionsprojekt hat zum Ziel, das Gesamtwerk des Schweizer Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin herauszugeben. Die Publikationen Wölfflins gehören zu den Fundamenten der Kunstwissenschaft und beschäftigen sich mit dem Stilbegriff, der Wahrnehmungspsychologie und Entwicklungsmodellen der Kunst- und Architekturgeschichte. Die Wirkung seiner Schriften ging weit über die Fachgrenzen hinaus. Sie werden nun in einer kritischen Edition zusammen mit unveröffentlichtem Archivmaterial online und in gedruckter Form zur Verfügung gestellt, angereichert durch Einleitungen, Kommentare, Apparate und Abbildungen. Die Edition soll für künftige Forschung etwa in den Bereichen Wissenschaftsgeschichte, Ästhetik, Global Art History und in affinen Disziplinen eine verlässliche und materialreiche Grundlage bieten.

Laufzeit: 2015–2024. Ausführliche Informationen